Milonga – jeder Titel ist eine Perle

Von 2013 bis 2017 habe ich einmal monatlich private Tango-Veranstaltungen durchgeführt - für Gema und Finanzamt: ohne Eintritt, ohne feste Getränkepreise, gegen Spende - , zur Zeit nur ab und zu. Dabei hab ich nur die besten Titel aufgelegt - nach meinem Geschmack. In meinem Atelier, es machte mir Spaß, dass regelmäßig tolle Gäste kamen, die ich nach meinen Möglichkeiten verwähnen konnte. Zudem tanze ich gern nach guter Musik. Ich kenne ziemlich viele Tangos und hab so manche Perle entdeckt, die sonst kaum jemand kennt geschweige denn auflegt. Zunächst kamen Freunde und Bekannte zum Tanzen, bald wurde der Montag Abend im Künstlerhaus zum Geheimtipp in der Tango-Szene.

Ich bin ein Sammler in Sachen Tango-Musik. 1986 und 1987 bin ich durch Deutschland gefahren und habe in vielen Schallplatten-Geschäften zahlreiche, auch durchaus rare Schätze auf Vinyl entdeckt. Neben den Klassikern auch Musik von Carla Bley, die Filmmusik zu Fassbinders „Querelle“, ein Album des Bandoneonisten Evan Lurie, dem Bruder des berühmteren Saxophonisten John Lurie. Damit begann meine Lust daran, immer neue Tango-Musik der unterschiedlichsten Stilrichtungen zu entdecken.

Dem Argentinischen Tango bin ich 1985 begegnet. In Hamburg wurde der Tango Argentino sonntags um 15.00 Uhr im Café TucTuc in der Oelkersallee wiedergeboren. Das Café gehörte Corny Littmann, Ernie Reinhardt und Gunther Schmidt, die dort auch Partys feierten, beachtliches Theater machten wie z.B. Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ oder die Gruppe Brühwarm mit Ton Steine Scherben mit ihrem Stück Männercharme und Titeln wie „Immer wieder ficken“, „Wir müssen ja nicht“ oder (sic!) „Tango“. Ob sie auch live bei den Aufführungen gespielt haben weiß ich nicht – ich freue mich über Infos per Email. Corny Littmann (Klick auf den Link - Corny ist viel mehr als ein Theatergründer) hat in der Zeit übrigens auch sonst einige Texte für Rio Reiser und Ton Steine Scherben geschrieben. Auch einen Chor gab es im Café TucTuc: den Tuntenchor, dessen feminine Bühnenaura übrigens auch von einigen Frauen stammte.

Sonntags gab es also Tanztee, womit die drei Betreiber des TucTuc den Tango Argentino nach Hamburg brachten. Damals sang Effi Effinghausen mit Eric Gabriel am Klavier das erste Tango-Musik-Programm in deutscher Sprache, das ich je hörte – und bis heute gehört habe. Es war hervorragend. Effi gründete später das Café Gnosa an der Langen Reihe. Wir waren fünfzehn, viele von ihnen wie ich aus der Theatergruppe der Fabrik, die fast regelmäßig kamen. Es unterrichtete immer einer aus der Gruppe, der sich die Schrittfolgen von Showtanz-Videos abgesehen hatte, vorneweg Rudolf Gutzmann, der dafür den Übungsraum unserer Theatergruppe beim Grünen Jäger nutzte. Gutzmann ist eine Tango-Legende: Später, nach einigen Besuchen in Buenos Aires, gründete er ebendort das „Tango Exil“ – den ersten Hamburger Tango-Club der 80er. Heute ist hier das „Universo Tango“.

Die Figuren, die wir demzufolge in den Anfangsjahren tanzten, waren ziemlich expressiv, was mitunter recht lustig war, nicht nur im Nachhinein. Ich entdeckte, dass ich „ich selbst“ war (was auch immer das heißt), wenn ich tanzte. Ein komisches Gefühl, damals. Ungewohnt, unverstellt, wirklich. Es war anders als bei den früheren Versuchen, einen Tanz zu erlernen, was mir immer als sportliche Übung oder nicht zu bewältigende Herausforderung erschienen war, insbesondere, weil ich es ja angeblich genießen sollte.

Ich schrieb ein Theaterstück, für das ich fast alle Mitglieder des Tango-Tanz-Tees im TucTuc gewinnen konnte, eine Kriminal-Fantasy-Romantik-Geschichte. Es sollte zeigen, wie deutlich die Tänze erkennen lassen, was im Herzen der Tänzer geschieht. Mit Musik, die Stefan Goreiski mit dem Wilhelmsburger Kurorchester einspielte, ergab das „Drei Tangos“, das erste Tango Theater in Hamburg, das wir im Klecks Theater mit respektablen Kritiken in der taz („Tango-time an der Elbe“) und im Hamburger Abendblatt („Spaß hat`s gemacht“) spielten. Ich hab mal nachgesehen: „Drei Tangos“ gehört zu den wenigen Dingen, von denen es selbst im weltweiten Schleppnetz keine Spuren gibt.

Damals wie heute ließ der Tango erkennen, was die Tänzer fühlen. Aus der Freude über den gemeinsamen Tanz entsteht häufig eine innige Verbundenheit für die Dauer des Tanzes. Faszinierend: Für die Dauer des Tanzes geht man ein intimes Verhältnis ein (und Tango ist nicht, wie George Bernard Shaw formulierte, der vertikale Ausdruck eines horizontalen Gefühls. Der gute Mann hat gewiss nie selbst getanzt). Danach ist es meistens wie vorher, nur etwas schöner. Man löst sich aus der Umarmung und geht freundlich, aufmerksam, aber meistens durchaus auch mit einer gewissen Distanz auseinander, dem nächsten Tango-Abenteuer entgegen.

Tango ist kein nostalgisches Vehikel, aber seine Geschichte und auch die Musik, die es zu Beginn des letzten Jahrhunderts entstand, sind für immer ein Bestandteil. Übrigens: Diese Musik und der Tanz gehören seit 2009 zum „immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO“.

Die Tango-Szene ist geteilt: Die einen tanzen den Tango der 30er Jahre ebenso gut wie den veränderten Stil der 40er oder 50er Jahre. Sie wollen die Kultur des Tango erhalten, und ich bin ihnen dankbar, denn es ist wichtig, dass die subtilen Farben dieses sensationellen Tanzes erhalten bleiben und tatsächlich getanzt werden.

Ich persönlich liebe die Weiterentwicklung des Tanzes mindestens ebenso wie die neuen Aufnahmen klassischer Tangos z.B vom Sexteto Major, Karel Kraayenhof und vielen anderen, Tangos gesungen (die „man“ eigentlich nicht tanzt) von Roberto Goyeneche, Omar Mollo, Daniel Melingo, Juan Carlos Cáceres, Concha Buika oder Horatio Molina. Und auch die Titel, die Gruppen wie Bajofondo, Otros Aires, das Oblivion Quartet oder El Juntacadaveres einspielen – das sind vor allem Argentinische Bands, die sehr, sehr gute Musik machen – und da sind die Elemente Tango, Klassik, Rock, Pop, Milonga, Jazz oder auch Candombe deutlich zu hören, die Titel sind gut tanzbar und die Stile nicht mehr von einander zu trennen – das ist immer wieder einfach großartige Musik, die auch die weniger trivialen emotionalen Befindlichkeiten mittels gut tanzbarer Musikstücke formuliert. Neue Tangos, auf die bin ich immer neugierig.

Ich kenne viele Tänzer, die sich eine Woche ohne Tango nicht vorstellen können, schon an einem freien Abend nervös werden und im Netz nachsehen, wo eine Milonga stattfindet. Weil nur allzu selten meine Lieblingsmusik gespielt wird, lege ich immer mal wieder selbst auf ... bei mir im Atelier. Es kommen gute Freunde, großartige Tänzer und Tänzerinnen – und ich habe es nicht so weit ...

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